Enzymdefekt mit Folgen

Das adrenogenitale Syndrom bezeichnet eine vererbte Erkrankung der Cortisolbildung (Cortisolsynthese) in der Nebennierenrinde. Durch einen Enzymdefekt, der unterschiedliche Stationen betreffen kann, ist die Bildung des körpereigenen Cortisols in der Nebenniere gestört. Die Bildung des Cortisols läuft über mehrere Zwischenschritte ab. Es werden Vorstufen des Cortisols in diesen Zwischenschritten gebildet, die jeweils ebenfalls hormonelle Eigenschaften haben. In Abhängigkeit davon, welcher Defekt genau vorliegt, fallen die Hormone, die vor dem Defekt gebildet werden, vermehrt  an. Da diese Hormone vor allem Eigenschaften von männlichen Hormonen haben (wichtigstes Beispiel 17-OH Progesteron) kommt es bei betroffenen Menschen zu vermehrten klinischen Zeichen einer männlichen Hormonwirkung und zu Zeichen einer verminderten Cortisolwirkung. Die klinischen Zeichen können sehr variabel sein, je nachdem welche Stufe der Cortisolsynthese genau betroffen ist und in welchem Ausmaß. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen, allerdings werden milde Formen häufig nur bei Frauen diagnostiziert, da sie bei Männern kaum klinische Probleme bereiten. Man unterscheidet zwei Formen des AGS, das klassische AGS mit und ohne Salzverlust und das nicht klassische/late onset AGS.

Das klassische AGS

… wird in aller Regel bereits in der Kindheit meist direkt nach der Geburt diagnostiziert. Klinisch wird die Erkrankung durch den Cortisolmangel (Nebenniereninsuffizienz) und die vermehrte Wirkung von männlichen Hormonen auffällig und erfordert eine sofortige medikamentöse Therapie. Durch die frühzeitige Gabe von Hydrocortison oder ggf. anderen Cortisonpräparaten kann der vermehrte Anfall von männlichen Hormonen unterdrückt werden und die Nebenniereninsuffizienz behandelt werden. Im Falle eines zusätzlichen Salzverlustes liegt noch eine Defekt der Bildung des Mineralocorticoids Aldosteron vor. Wird dieser Mangel nicht ausgeglichen, kann es zu schweren und lebensbedrohlichen Salzverlustkrisen kommen. Die Therapie des klassischen AGS ist eine lebenslange Therapie bei betroffenen Kindern bzw. Frauen und Männern, eine kinderendokrinologische und im Erwachsenenalter dann internistisch-endokrinologische Betreuung ist sinnvoll. Diese wird ergänzt je nach klinischer Situation (Beispiel Kinderwusch) durch gynäkologisch-endokrinologische sowie humangenetische Beratung und Betreuung.

Das nicht-klassische AGS oder late onset AGS

… wird häufig erst im Laufe des Lebens diagnostiziert, da die Beschwerden und klinischen Symptome geringer ausgeprägt sind. Oft fällt ein nicht klassisches AGS im Rahmen von Zyklusstörungen und/oder unerfülltem  Kinderwunsch bei der Frau auf.  Ein Hirsutismus (vermehrte Körperbehaarung) kann ebenfalls Folge eines AGS sein. Die Diagnose wird mit Labortest gestellt und mit einer genetischen Untersuchung bestätigt. Die Therapie wird entsprechend an die klinische Situation angepasst und umfasst verschiedene medikamentöse Optionen.