
Eine aktuelle Publikation untersuchte, ob ggf. ein Zusammenhang zwischen Myomen und kardiovaskulären Risiken besteht (DiTosto et al. Association between uterine fibroids and risk of atherosclerotic cardiovascular disease. J. Am. Heart. Assoc. 2026; 15: e044014).
Uterusmyome (Leiomyome) sind häufige, hormonabhängige, benigne Tumoren der Gebärmutter, die einen Großteil der Frauen im reproduktiven Alter betreffen. Neben lokalen gynäkologischen Beschwerden werden zunehmend systemische Effekte diskutiert, darunter metabolische Veränderungen, eine chronische Inflammation und endotheliale Dysfunktion. Diese pathophysiologischen Mechanismen überschneiden sich mit bekannten Entstehungswegen atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankungen (ASCVD). Ziel der populationsbasierten Kohortenstudie war es, den Zusammenhang zwischen diagnostizierten Uterusmyomen und dem langfristigen Risiko für ASCVD zu untersuchen.
Die Analyse basierte auf Daten der Optum Clinformatics® Data Mart Database aus den Jahren 2000-2022. Insgesamt wurden 450.177 Frauen mit dokumentierten Myomen in ein 1:5-Matching mit 2.250.885 Frauen ohne Myome eingeschlossen. Die Nachbeobachtungszeit betrug bis zu 10 Jahren. Primärer Endpunkt war das erstmalige Auftreten einer atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankung, definiert als koronare Herzkrankheit, zerebrovaskuläre Erkrankung oder periphere arterielle Erkrankung. Die Risikoschätzung erfolgte mittels multivariabler Cox-Proportional-Hazards-Modelle mit Adjustierung für demografische Variablen, Lebensstilfaktoren, klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren sowie reproduktive und hormonelle Einflussgrößen.
Frauen mit Uterusmyomen wiesen ein signifikant erhöhtes Risiko für ASCVD auf. Die 1-Jahres-Inzidenz betrug 0,74% in der Myom- gegenüber 0,3% in der Kontrollgruppe, entsprechend einem adjustierten relativen Risiko von 2,47 (95%-KI 2,32–2,61) und einer absoluten Risikodifferenz von +0,41%. Nach 10 Jahren lag die Inzidenz bei 5,42% versus 3,00% mit einem adjustierten relativen Risiko von 1,81 (95%-KI 1,66–1,96) und einer absoluten Risikodifferenz von +2,4%. Die Ereignisrate pro 1.000 Personenjahre betrug 6,45 in der Myom- gegenüber 2,99 in der Kontrollgruppe. Subgruppenanalysen zeigten insbesondere bei Frauen unter 40 Jahren ein deutlich erhöhtes relatives Risiko, wobei der Effekt über ethnische Gruppen hinweg konsistent blieb.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Uterusmyome als Marker eines erhöhten systemischen kardiovaskulären Risikos fungieren könnten. Als mögliche Mechanismen werden eine chronisch erhöhte inflammatorische Aktivität, hormonelle Langzeiteffekte sowie vaskuläre Funktionsstörungen diskutiert. Aufgrund des beobachtenden Studiendesigns ist jedoch keine kausale Schlussfolgerung möglich. Trotz umfangreicher Adjustierung können bestimmte Störfaktoren nicht ausgeschlossen werden, insbesondere im Hinblick auf nicht erfasste Lebensstil- und sozioökonomische Faktoren. Zudem basiert die Diagnose auf administrativen Abrechnungsdaten, was potenzielle Fehlklassifikationen und Unterdiagnosen impliziert.
Insgesamt stellt diese Studie eine methodisch robuste, groß angelegte Kohortenanalyse dar, die Uterusmyome als bislang unterschätzten Indikator für ein erhöhtes atherosklerotisches kardiovaskuläres Risiko identifiziert. Die Ergebnisse sprechen für eine stärkere interdisziplinäre Berücksichtigung gynäkologischer Erkrankungen in der kardiovaskulären Prävention und unterstreichen den Bedarf an weiteren prospektiven und mechanistischen Studien zur Klärung der Kausalität und möglichen präventiven Interventionen.
Prof. Dr. med. Christoph Dorn